Systemupdate: Warum Deutschland immer noch das Gesundheitssystem von Gestern verwaltet
Und warum die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung das eigentliche Problem im Gesundheitssystem verfehlt.
Für wen digitalisieren wir eigentlich?
Vor Kurzem porträtierte mich die International Business Times als Unternehmer und Visionär der digitalen Gesundheit. Wer genau liest, erkennt: Die eigentliche Geschichte handelt nicht von mir, sondern von einem System, das sich verändern muss.
Seit Jahren diskutieren wir über Digitalisierung im Gesundheitswesen – elektronische Patientenakten, Künstliche Intelligenz, Telemedizin. Dabei vergessen wir oft die entscheidende Frage: Für wen digitalisieren wir eigentlich? Für Behörden, für Krankenkassen? Oder für Menschen, die medizinische Hilfe brauchen? Digitalisierung ist nicht das Ziel, sondern das Werkzeug: eine Versorgung, die schneller, einfacher und für alle zugänglicher wird.
Kontrolle statt Versorgung
Die aktuelle politische Diskussion zeigt das Gegenteil. Die Bundesregierung plant, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und bereits ab dem ersten Krankheitstag soll wieder eine ärztliche Bescheinigung verlangt werden. Die Begründung: weniger Fehlzeiten, mehr Produktivität.
Folglich müsste die eigentliche Frage lauten: Lösen wir damit wirklich das Problem? Meine Antwort: Nein. Wir diskutieren wieder über Kontrolle statt Effizienz, über Misstrauen statt Versorgung. Die telefonische Krankschreibung wurde eingeführt, um Praxen zu entlasten und Patient:innen mit leichten Infekten den unnötigen Weg zu ersparen. Künftig werden viele wieder in die Praxis gehen müssen. Nicht, weil sie Versorgung brauchen, sondern eine Bescheinigung. Das ist keine Gesundheitsreform. Das ist mehr Bürokratie.
Ein Pflaster auf ein strukturelles Problem
Damit behandeln wir nicht die Ursache, sondern die Symptome. Die eigentlichen Herausforderungen bleiben: Fachkräftemangel, überlastete Praxen, ineffiziente Prozesse, fehlende Patientensteuerung. Dahinter steckt ein grundlegendes Systemproblem: Wie gehen wir mit unserer knappsten Ressource um, der Arztzeit?
575 Millionen Fälle, acht Minuten, eine Milliarde Kontakte
Das deutsche Gesundheitssystem läuft am Limit. Bei 575 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, 2023) arbeiten niedergelassene Ärzt:innen im Schnitt 53 Stunden pro Woche. Das Ergebnis: rund eine Milliarde Patientenkontakte, bei denen für das einzelne Gespräch weniger als acht Minuten bleiben (KBV, Zahlen und Fakten). Wenn Menschen mit leichten Erkrankungen jetzt wieder persönlich in die Praxis müssen, heißt das: mehr Bürokratie, vollere Wartezimmer, weniger Zeit für die, die wirklich Hilfe brauchen.
Dabei ist die Lösung einfach: Wer wegen eines einfachen Infekts sicher per Fragebogen, Telefon oder Video behandelt werden kann, blockiert keinen Termin für einen schwer kranken Menschen. Digitale Versorgung ersetzt nicht Ärzt:innen. Sie setzt sie dort ein, wo sie wirklich gebraucht werden.
Die Debatte um 1 %
Der Anteil telefonischer Krankschreibungen an allen Krankschreibungen liegt bei rund 1 %. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung beziffert ihn auf 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsfälle. Bei der AOK etwa wurden 2024 nur rund 145.000 Krankschreibungen telefonisch ausgestellt. Wir streiten über rund 1 % des Systems und ignorieren die anderen 99 %. Unser Gesundheitswesen braucht keine kleinen Schönheitskorrekturen, sondern ein echtes Systemupdate für die große, ungelöste Mehrheit.
Ein weiterer Wert zeigt, wie viel auf dem Spiel steht: Ein:e Patient:in kostet in der ambulanten Versorgung durchschnittlich 716 Euro pro Jahr, im Krankenhaus dagegen 9.465 Euro (KBV, 2024). Jeder unnötige Praxisbesuch bindet also nicht nur Zeit, sondern belastet ein System, das ohnehin an seine Grenzen kommt.
Missbrauch: die falsche Baustelle
Der stärkste Einwand gegen die telefonische Krankschreibung lautet: Missbrauch. Doch als Argument gegen die digitale AU trägt er nicht – und das aus drei Gründen:
- Er ist nicht belegt. Der BKK Dachverband hält einen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung für „nicht belegbar", die DAK fand keinen „systematischen Missbrauch".
- Missbrauch ist – soweit er vorkommt – kein Kanal-Problem. Typische Symptome wie Schmerzen, Kopfweh oder Husten sind nirgends überprüfbar, weder online noch am Praxistresen. Am Tresen wirkt zusätzlich der soziale Druck vertrauter Patient:innen: Eine Onlinebefragung unter 432 Hausärzt:innen (Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 2026) zeigt, dass fast ein Viertel mindestens einmal pro Woche um eine Gefälligkeitskrankschreibung gebeten wird. Ein standardisiertes, KI-gestütztes Verfahren kennt diesen Druck nicht. Sogar KBV-Chef Andreas Gassen sagt: „Wer sich ein ärztliches Attest erschleichen wolle, schaffe das bereits jetzt, auch in der Arztpraxis", weshalb er die Krankschreibungspflicht in den ersten Tagen ganz abschaffen will, „telefonisch, vor Ort oder digital".
- Missbrauchskontrolle ist ohnehin nicht Aufgabe der Ärzt:innen, sondern der Krankenkassen und des Medizinischen Dienstes. Der weitaus größere Schaden entsteht durch Langzeit-Krankschreibungen, nicht durch drei Tage Erkältung.
Der Denkfehler heißt Präsentismus
Wer Menschen mit leichten Infekten zurück ins Wartezimmer zwingt, erreicht oft das Gegenteil des Gewollten. Viele schleppen sich dann krank zur Arbeit, aus Angst vor dem Aufwand, dem Attest, dem Fehltag. Das nennt sich Präsentismus und es ist teuer: Allein die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kostete Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro (Institut der deutschen Wirtschaft). Die versteckten Kosten des Präsentismus liegen nach Studien noch deutlich höher. Untersuchungen der Felix-Burda-Stiftung zufolge etwa doppelt so hoch wie die reinen Fehlzeiten. Mehr als jede:r zweite Beschäftigte geht laut Techniker Krankenkasse zumindest manchmal krank zur Arbeit.
Man verbietet ein bewährtes Pflaster, während das System einen Herzinfarkt hat.
Der volkswirtschaftliche Schaden entsteht also nicht durch ein paar Tage Auskurieren zu Hause, sondern durch kranke, ansteckende, unkonzentrierte Menschen am Arbeitsplatz. Wer die einfache Krankschreibung erschwert, bekämpft nicht die „Blaumacher" – er züchtet Präsentismus.
Was wir längst bewiesen haben
An dieser Stelle rede ich nicht theoretisch. Seit 2018 haben wir bei DrAnsay über 3 Millionen Online-Behandlungen und mehr als 1 Million Patient:innen begleitet und das im reguliertesten Markt des Landes. Unsere KI-gestützte Krankschreibung bei einfachen Infekten funktioniert schneller, sicherer und günstiger als der klassische Weg. Und sie war nachweislich besser als die reine Telefon-AU, weil sie Qualität und Sicherheit systematisch absichert:
- Sie behandelt ausschließlich klar abgrenzbare, ungefährliche Erkrankungen wie Erkältungen und schließt Risikofaktoren über einen strukturierten ärztlichen Fragebogen aktiv aus. Wer nicht sicher digital versorgt werden kann, wird an die Praxis verwiesen.
- Sie begrenzt Häufigkeit und Abstände (z. B. maximal wenige Erkältungs-Krankschreibungen pro Jahr mit Mindestabstand): Ein eingebauter Missbrauchsschutz, den kein Praxisgespräch bietet.
- Die Nutzungsdaten sprechen für sich: Unsere Krankschreibungen häufen sich am Dienstag, nicht am Montag oder Freitag. Das ist das Gegenteil des typischen „Blaumacher"-Musters.
- Und der beste Beleg für Qualität ist die Erfahrung aus Millionen Behandlungen mit einer verschwindend geringen Beanstandungsquote.
Kurz: Für einen einfachen Infekt ist der sicherste und effizienteste Weg für alle Beteiligten nicht der Gang ins volle Wartezimmer, sondern eine standardisierte, KI-gestützte Online-Krankschreibung, im Zweifel sogar ganz ohne Arztgespräch, weil bei einer erkennbaren Erkältung der Mensch selbst am besten weiß, dass er krank ist, und ein strukturiertes Verfahren die Sicherheit besser absichert als acht Minuten unter Zeitdruck.
Das eigentliche Systemupdate
Die Diskussion um die telefonische Krankschreibung wird wieder verschwinden und die eigentliche Herausforderung bleibt: Wie schaffen wir ein Gesundheitssystem, das trotz Ärzt:innenmangel mehr Menschen schneller und effizienter versorgt?
Für mich ist die Antwort eindeutig: Wir müssen die Zeit der Ärztinnen und Ärzte endlich sinnvoll nutzen. Ein modernes Gesundheitssystem misst sich nicht an der Zahl der Arztbesuche, sondern an der Qualität der genutzten Zeit. Und Fakt ist: diese lässt sich schneller, günstiger und besser einsetzen mit Telemedizin. Statt also zu diskutieren, ob wir die telefonische AU abschaffen sollten, um gleichzeitig fast schon froh sein zu müssen, dass die Videosprechstunde vorerst erhalten bleibt, müssen wir den gesamthaften Blick verändern. Das sind alles Pflaster, kurzzeitige Einzelmaßnahmen, die die große Wunde nicht heilen.
So what?!
Die Zukunft gehört einer Versorgung, die Patient:innen über den gesamten Behandlungsverlauf intelligent, digital und menschenzentriert begleitet. Genau darüber schreibe ich in den kommenden Ausgaben dieses Newsletters. Denn ich bin überzeugt: Die Zukunft der Medizin entscheidet sich nicht im Wartezimmer, sondern dort, wo wir den Mut haben, Versorgung neu zu denken.